Foto Matt Bianco: Mariagrazia Giove
Foto Matt Bianco: Mariagrazia Giove

Matt Bianco: „Gravity “               VÖ. 08.09.2017

Matt Entertainment/ MustHave/ Membran

 

Es soll Dinge geben, die mit zunehmendem Alter besser werden. Rotwein und unser Selbstbewusstsein, beispielsweise, oder auch Matt Bianco. Die legendäre britische Gruppe, hervorgegangen 1983 aus „Blue Rondo a la Turk“ und benannt nach einem imaginären Sixties-Super-Agenten, ist den meisten noch mit Hits wie „Half A Minute“, „Get Out Of Your Lazy Bed“, „Whose Side Are You On?“ oder auch „Yeh Yeh“ im Ohr. Für „Gravity“, das jetzt erscheinende fünfzehnte Matt Bianco Album, hat der Frontmann, Leadsänger und Hauptsongwriter Mark Reilly eine hervorragende neue Band zusammengestellt. Gemeinsam mit dem schwedischen Saxofonisten, Flötisten und Arrangeur Magnus Lindgren, dessen neues Album gerade bei ACT erscheint, und etlichen Mitgliedern von Jamie Cullums Ensemble, will Reilly, der Mann mit der unverwechselbaren Dry-Martini-Stimme, die Jazz- und Bossa-Keimlinge aus den Anfangszeiten der Band großziehen und dabei den entspannten Swing früherer Erfolge modernisieren. Das Ergebnis ist eine energische und dennoch entspannte Kollektion zehn originärer Song-Perlen mit genug Style für alte Fans und neue Bewunderer, die möglicherweise auch Gregory Porter oder Jamie Cullum mögen,  und so vieler schwerkräftiger „Gravity“ in den Arrangements und Solos, dass auch Jazzfans mitkommen, die Soul Jazz nicht nur für ein Label halten.
„Als wir anfingen, waren wir fasziniert von Agentenfilmen der Sixties“, erinnert sich Mark Reilly. „Der Hauptgrund dafür war wohl, dass diese Filme oft fantastische Soundtracks voll cooler Latin- und Jazz-Musik hatten. Also erfanden wir unseren eigenen Spion – Matt Bianco.“ Aufgenommen in Stockholm, London und in Mark Reillys eigenem Studio in Buckinghamshire nutzt „Gravity“ den jazzigen Live-Sound der aktuellen Touringband, abgemischt von Mark Reilly selbst. „Früher wurden wir oft von den Mainstream-Jazz-Leuten kritisiert, weil wir nun mal keine straight ahead Jazzband sind; Jazz hat uns beeinflusst, aber wir haben gar nicht versucht, Mainstream Jazz zu machen, sondern wollten eher die Sounds und Grooves, die wir mochten, zum Pop bringen. Diese Mischung gefiel damals vielen Leuten, angeblich mochte sogar Georgie Fame unsere Version von “Yeh Yeh“, der schon 1965 einen Hit in England mit diesem Song hatte. Ich denke, dass dieses neue Album wieder eine „Musikmischung“ für unsere Zeit ist, die auch jüngeren Leuten gefällt.“

Die Aufnahmen zu diesem Album, dem ersten nach dem tragischen Tod von Keyboarder und Co-Leader Mark Fisher, der den Sound der Band seit 25 Jahren maßgeblich beeinflusste, begannen in Stockholm. In der schwedischen Hauptstadt entstand gleich zu Beginn der Song „Joyride“, eine Sommer-Cruise-Control-Ode irgendwo zwischen Lee Morgans „Sidewinder“ und „Lowrider“ von WAR, die jetzt als erste Single des Albums schon vorab in UK Erfolge bei BBC und JazzFM feiert und die auch als Remix von Mark De Clive Lowe auf dem Album zu hören ist. Außerdem entstanden mit Magnus Lindgren die nachtblaue Ballade „Solace“ („Trost“), sowie die wunderbare Mitternachtshymne „AM/PM“.

 

Die sieben übrigen Stücke, von Uptempo-Grooves wie „Summer In The City“ oder „Invisible“ bis zum leicht latinisierten „Paradise“ hat Mark Reilly gemeinsam mit dem britischen Saxofonisten Dave O’Higgins (Jamie Cullum, Mezzoforte, Matthew Herbert) in dessen Studio in Brixton und mit den Mitgliedern seines Quintetts eingespielt: Sebastiaan de Krom am Schlagzeug und Geoff Gascoyne am Bass, beide seit Jahren Wegbegleiter von Jamie Cullum, Graham Harvey, der auch schon mit George Benson, Incognito, oder Stacey Kent gespielt hat, an Piano und Fender Rhodes, sowie dem grandiosen Martin Shaw an Trompete und Flugelhorn, einem Mitglied der BBC Bigband, der auch schon mit Sting, Jamiroquai oder Natalie Cole zu hören war. Die Frauenstimme, die sich auf einigen Tracks mit Mark Reilly duettiert, gehört Elisabeth Troy, die auch schon mit MJ Cole, Metrik oder Clean Bandit in den Charts war.
Mark Reilly freut sich, wie sollte es anders sein, ab September 2017 und bis ins Jahr 2018 die neue Matt-Bianco-Musik von “Gravity” auf Tour zu bringen – zum großen Teil mit den Musikern, die ihn auch auf dem Album begleiten. Wer je eine Show der Band erlebt hat, etwa neulich beim Jazzfest Wien vor 2000 Besuchern, weiß, dass das Publikum die Vorfreude teilt. „Es ist jetzt alles etwas erwachsener! Das, was 1984 Matt Bianco war, wurde natürlich extrem in Richtung Pop vermarktet. Außerdem war es der Beginn des „Musikvideo-Zeitalters“, was natürlich auch eine Rolle in der Wahrnehmung spielte. Über zwanzig Jahre später hat sich die Musik für mich nicht sehr verändert, aber vielleicht ist sie erwachsener geworden. Es ist im Prinzip dieselbe Musik, aber sie klingt reifer“. Er lacht. „ … was ja zu uns und unserer Altersgruppe passt. Wir fühlen uns jedenfalls wohl damit.“ Die Chancen sind groß, dass es auch den Zuhörern so wohlig gehen wird, wenn sie „Gravity“ hören. Die coole Klasse des altbewährten und rundum erneuerten Matt Bianco findet sich sonst selten.