Foto: Joachim Gern
Foto: Joachim Gern

Céline Rudolph & Lionel Loueke: „Obsession “  

VÖ. 27.10.2017

Label: Obsessions |  Vertrieb: Membran

Webseite: Céline Rudolph

 

Eine Sängerin, die Gitarre spielt. Ein Gitarrist, der singt. Ein Album, auf dem diese beiden Ausnahmetalente zeigen, dass auch in der Musik das Ganze größer als die Summe seiner Teile sein kann. Ihre gemeinsame „Obsession“ öffnet musikalische Horizonte, klingt nach Jazz-Feeling und Singer-Songwriter-Eleganz, nach Cotonou, Rio, Memphis und Berlin, nach der Leidenschaft, die Lieben muss, nach tiefen Augenblicken, nach Lebenslust, Blues und Genuss. Dieses Duo, das mindestens wie eine Band, manchmal sogar wie ein Orchester klingt, singt hier zehn herrlich spontane Lieblingslieder, mal Englisch, mal Französisch, mal aufs Fantastische Celinisch oder Lionelisch. Man meint, die Stücke nach dem ersten Hören schon immer zu kennen, dabei findet sich hier nur eine Interpretation (Caetano Velosos „O Leãozinho“), der Rest stammt aus den Federn der beiden Besessenen. Ein komplexes, diverses Album, das gleichzeitig so homogen und subtil wirkt; „Obsession“ nimmt uns in Besitz.

„Die Duo-Besetzung ist die größte Herausforderung“, sagt Céline Rudolph. „Es gibt ebenso viele Risken wie Freiheiten, was genau das ist, was ich daran so sehr mag.“ Lionel Loueke nickt und ergänzt: „Céline ist nicht nur eine großartige Musikerin, sie ist ein toller Mensch und das wiederum macht ihre Musik noch stärker. Dies ist ein sehr einzigartiges Projekt, weil da keine Grenzen waren. Dabei ist die Musik, die wir spielen, nicht einfach. Auch Stücke in ungeraden Metren einfach klingen zu lassen, sie in den Flow zu bringen, ist die Herausforderung.“

Dieses Album ist der bisherige Höhepunkt einer musikalischen Liaison, die so spontan begann wie sie nach wie vor anmutet. Vor fünf Jahren trafen sich die beiden Musiker zum ersten Mal in Berlin – sie eine mit dem Echo Jazz ausgezeichnete Sängerin, die erfolgreich die Chansons von Henri Salvador übersetzt hatte, er der Leib- und Magengitarrist von Herbie Hancock, mit bisher vier eigenen Alben bei Blue Note. „An dem Abend in Berlin haben wir nicht nur über Musik, über Essen und das Leben geredet, sondern auch CDs ausgetauscht“, erinnert sich Céline Rudolph. „Wenig später schrieb mir Lionel, wie begeistert er von meiner Musik sei. Ich lud ihn spontan als Gast zu meiner Studiosession mit dem Drummer Jamire Williams in New York ein. Dort, im Brooklyn Recording Studio, entstand die Duoversion von „Le Vent du Nord“, die jetzt auf dem Album zu hören ist. Wir waren beide so begeistert, dass wir beschlossen, ein ganzes Album nur zu zweit aufzunehmen. 2015 dann trafen wir uns im A-Trane Studio in Berlin …“ 
Sie hatte ein paar Stücke geschrieben, er brachte die hoffnungsfrohe Geschichte der „Witwe aus Mali“ dazu, gemeinsam entwickelten sie das Titelstück. „Ich spürte gleich bei unserem ersten Treffen, dass wir trotz unterschiedlicher Wege ganz ähnlichen Spuren nachgegangen waren. Lionel aus dem französischsprachigen Benin, über Côte d’Ivoire, Paris, Jazzstudium in Boston, Kalifornien nach New York. Ich aus Berlin, deutsch-französisch aufgewachsen mit Chanson, Jazz, afrikanischer und brasilianischer Musik, Jazzstudium in Berlin, Perkussion in Westafrika, Band in Brasilien. Diese Spuren höre ich in unserer Musik: Der sanfte Sound unserer Stimmen, die Perkussion in der Stimme, den Spaß am Rhythmischen, am Spielen und Entdecken. Wir lieben beide die akustische Gitarre. Wenn wir live spielen, teilen wir uns meine klassische Gitarre, die ich mit 13 von meiner Mutter geschenkt bekommen habe.“

„Obsession“ ist meine Verrücktheit und unvernünftige Liebe, die ich für Musik, Leben und bestimmte Personen empfinde“, meint Lionel Loueke. Das Album ist der Startschuss für weitere „Obsessions“ auf dem gleichnamigen, von Céline Rudolph gegründeten Label. „“Obsession“ bedeutet für mich das unbedingte Verbunden-Sein mit der Musik, in Liebe, in Hingabe“, sagt sie. „Das Eintauchen und sich Hergeben, mit allem Risiko, in der Musik wie im Leben. Das Trotzdem, die Hoffnung. In „Obsession“ steckt auch das Wort „Session“, in dem der improvisierte Charakter anklingt. Das Hier und Jetzt, das ganz und gar. Der wilde Moment, das Adrenalin.“ Auch deshalb könnte es keine bessere Initialzündung für Céline Rudolphs eigene, neue Plattenfirma aus Berlin geben, als dieses Album, in dem sich all die eben erwähnten Qualitäten finden.   
Track by Track

In „C’est un Love Song“ sitzt SIE voller Sehnsucht in einer Bar. Sie sehnt sich, sie hört den Klang einer Gitarre, Musik, die dort gar nicht gespielt wird, ihren eigenen Ohrwurm. Die Sehnsucht klingt obsessiv, „un feeling accro, accro, accro“ – dreimal süchtig, passioniert. Gleichzeitig klingt der dreimalige Ruf wie der Sound der Straße in Ghana, wenn das Sammeltaxi nach „Accra, Accra, Accra“ ausgerufen wird.  Sie würde bis nach Dakar oder nach Zimbabwe reisen, um IHN wiederzusehen.

„New Day“, mit den vielen ineinander verschlungenen Linien, die wie ein melodischer Dschungel verflochten sind und harmonische Bewegungen formen, ist, wie so oft, an einem Morgen im Bett entstanden. Wie auch „Morning Blues“. Im Flow, ohne Plan, die Musik fliegt mir zu. Die kleine Inspiration, der Anfang einer Idee ist da, dann arbeite ich am Klavier oder der Gitarre die Songs aus.

In Lionels „Veuve Malienne“ tut sich ein neuer Kosmos auf, ich spüre die große Weite, die Rufe in der Ebene. Lionel erklärt den Titel so:  „A Malian widow lost her husband in the war but still has hope for a better world where we can all live in peace.“

Kurz vor den Aufnahmen schrieb ich zwei Stücke, das instrumentale „Archaïc“, in dem ich mit verschiedenen Sounds experimentiere und „Here Comes the Rain“.  Manchmal ist es leichter, in der Musik die Gezeiten des Lebens zu ertragen. Die Wasser steigen, es fällt immer mehr Regen. Ich stehe mittendrin bis ich überschwemmt werde, ich mich dem Fluss ergebe und zur Weite des Meeres werde. 

Von Caetano Veloso haben wir „O Leãozinho“ mit reingenommen, das ich neu arrangiert habe. Hier begleite ich Lionels E-Gitarren Solo auf der akustischen Gitarre, eine weitere Farbe unseres Duos. Außerdem teilen wir das Faible für brasilianische Musik.

„Fábula“ ist von Dave Hollands Basslinien klanglich inspiriert und rhythmisch weitergedacht. Nach fünf Takten (4/4) und drei Achteln wiederholt sie sich und der Beat dreht sich um. Alles steht Kopf, die Melodie fabuliert aber gelassen weiter. Im Inneren vielleicht sehr komplex, aber nach außen wie ein Kinderlied. Wie im Chanson ist der erste Teil in Moll und das Stück schließt in Dur.

Genauso empfinde ich „Le Vent du Nord“. Komplexe rhythmische Strukturen, die aber mit der Leichtigkeit und Unbeschwertheit einer Kindermelodie verknüpft sind. Lionel war sofort von dem Groove fasziniert. Der „Nordwind“, der sonst über Nordafrika zieht, lässt uns abheben und mit allen Wirbeln zu einem Höhenflug inspirieren. Wir sind ohne Plan gestartet und haben uns gemeinsam treiben lassen. Große harmonische Passagen improvisiert Lionel spontan. Diese Komposition habe ich vor vielen Jahren geschrieben und ich finde, jetzt klingt sie reif und in dieser Besetzung perfekt.

Lionel schickte mir ein Stück, das er gerade unter dem Titel „Forgiveness“ im Trio aufgenommen hatte.  Ich mochte es sofort, und als ich anfing, es zuhause zu singen, spürte ich, dass es mich zum Französischen hinzog, der Sprache, die Lionel und mich verbindet. Ich schrieb Lyrics dazu und Lionel war begeistert. Es bleibt offen, wem der obsessive Traum gewidmet ist. „Rêve Obsession“ erzählt von eben jenem nächtlichen obsessiven Wachtraum um die Frage, „ob DU mich liebst und vor allem: wann?“ In der Aufnahmesituation entstand aus meiner Improvisation heraus der Chor, den ich dann im Overdub verstärkte.